Die erneute Sarrazin-Debatte. Streitet euch, aber richtig. Das Armutszeugnis der veröffentlichten Meinung.

Sarrazin hat wieder ein Buch geschrieben. „Europa braucht den Euro nicht“. Gut, alleine der Titel wird wohl nur Menschen irritieren, bei denen der Name Sarrazin eine pavlovsche Reaktion auslöst. Und diese Reaktionen können dann schon mal unter die Gürtellinie gehen. Speziell im Bund Rechtloser Deutscher.

Angenehm fallen dann die Stimmen der Vernunft auf. Eine davon ist Cora Stephan, die in einem aktuellen Welt-Artikel „Streitet euch, aber richtig!“ das Problem der deutschen „Streit-Kultur“ treffend analysiert.

Der Respekt vor dem Gegner ist die Grundlage des Streits. Er ist nicht Feind, sondern Kontrahent, „auf Augenhöhe“, wie Politiker gern sagen, und hat, genau wie die eigene Seite, jedes Recht, seinen Standpunkt zu vertreten und zu verteidigen. Die zivile Seite dieses Respekts vor dem Gegner ist die Meinungsfreiheit. Streit im aufgeklärten Sinne fordert keine Konversion. Er ist der temperamentvolle Schlagabtausch zwischen Menschen, die Argumente haben und, sollten diese sich als schwach erweisen, sich nicht auf ihren Glauben oder ihre Gefühle herausreden. Oder auf ihr eigenes Erleben. Diese Flucht aus der Logik in die reine Subjektivität galt einmal als „weibisch“. Heute gilt sie als „menschlich“. Welch Fortschritt.

(…)

Jede Talkshow zeigt: Wer heute im Kampf um die Definitionshoheit siegen will, kommt gänzlich ohne Argumente aus, ach was, von ihrem Einsatz ist dringend abzuraten. Am besten, man zeigt verletzte Gefühle. Ist nicht ein logisches Argument per se irgendwie kalt und also unmenschlich? Na bitte. Auch verallgemeinernde Schlüsse kann man auf diese Weise kontern. Was soll mir eine Statistik oder eine Durchschnittsgröße, wenn ich persönlich die Realität doch ganz anders wahrnehme? Fühlen und Glauben, das bringt Szenenapplaus. „Ich glaube“ und „ich fühle“ sind die vergifteten Pfeile aus dem Hinterhalt, die den Gegner erledigen, bevor er auch nur Gehör gefunden hat. Was muss ich auch wissen, was der andere denkt und sagt, wenn ich ihn eh nicht leiden kann?

Der Umgang mit Thilo Sarrazin etwa ist ein Schaustück avancierter Streit-„Kultur“. Noch bevor sein jüngstes Buch zur Euro-Krise erschienen ist und gelesen werden konnte, bekundeten Kritiker in Qualitätszeitungen, es gar nicht erst zur Kenntnis nehmen zu wollen, man wisse ja eh, dass Sarrazin drin sei, wo Sarrazin draufsteht. Also „Schwachsinn“ (Robbe), „Unsinn“ (Künast) und „himmelschreiender Blödsinn“ (Schäuble), dem man keine Plattform bieten, ja den man am besten nicht zur Kenntnis nehmen dürfe. Schließlich wolle er mit seinen „Provokationen“ ja bloß Geld verdienen. Und das geht ja schon mal gar nicht.

(…)

Verblüffend, wie viele der Vokabeln, mit denen heute die Meinungsschlachten geschlagen werden, an Ketzerverfolgung und Religionskrieg erinnern, so etwa, wenn es über Kritiker des Kulturstaates heißt, sie „versündigten“ sich an ihm. Besonders interessant ist, was die Vorkämpfer für mehr Menschlichkeit ins Spiel bringen. Die „nackte Logik der Zahlen“ sei ohne Menschlichkeit, verkündete jüngst ein Autor der „Zeit“. Klar, wen er meint: Thilo Sarrazin, den wiederum Mely Kiyak in der „Frankfurter Rundschau“ und „Berliner Zeitung“ als „lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur“ bezeichnet hat. Der Artikel wurde erst online bereinigt, mittlerweile ist er ganz entfernt, eine halbherzige Entschuldigung der Autorin nachgereicht. Ist da doch jemandem aufgefallen, dass man so etwas nicht sagt?

Der ganze Artikel ist eine Perle im ansonsten trüben Wasser der bundesdeutschen „Meinungsmacher“.

Ein weiterer Artikel ist – man staune – im Tagesspiegel erschienen. Alexander Gauland kritisiert in „Gefährlicher Konsens: Nie wieder Krieg! Nie wieder Sarrazin!“ die „Trägheit des Konsens“, der verzweifelt um die Deutungshoheit vermeintlicher Wahrheiten kämpft.

Was ist das für ein intolerantes Land geworden. Da schreibt einer ein Buch über den Euro und kommt zu dem nicht überraschenden Ergebnis, dass man ohne ihn genauso weit gekommen wäre. Doch statt seine Thesen zu diskutieren, sie zu bezweifeln und ihm Fehler anzukreiden, fordern nicht wenige Politiker erst einmal ein Ende der Diskussion. Frau Künast findet die ARD das falsche Forum und die Gebühren für Thilo Sarrazin vergeudet, Jürgen Trittin sieht den Autor rechts außen, der Finanzminister findet das Ganze „himmelschreienden Blödsinn“ aus „einem verachtenswerten Kalkül“ unter das Volk gebracht, und der SPD-Politiker Robbe dekretiert, dass sich mit Sarrazin niemand in eine Talkshow setzen sollte, schließlich, so eine mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnete Journalistin, sei Sarrazin nicht mehr als eine „lispelnde, stotternde Menschenkarikatur“.

(…)

Dabei ist Sarrazin nicht der Erste, der die Europasehnsucht der Deutschen auf ihre durch Auschwitz erschütterte Identität zurückführt. Helmut Schmidt und Helmut Kohl haben nie ein Hehl daraus gemacht, dass Deutschland eine über das Wirtschaftliche hinausgehende historische Verantwortung gegenüber Europa hat. Warum das, nur weil es Sarrazin – wenn auch kritisch – benennt, himmelschreiender Blödsinn sein soll, erschließt sich wohl nur denen, die den Wert und die Stimmigkeit von Argumenten danach aufteilen, wer sie verwendet. Und was Sarrazin äußert, ist von vornherein der damnatio memoriae verfallen. Vieles in der alten Bundesrepublik wie im neuen Deutschland ist von der Lektion des „Nie wieder!“ geprägt. Nie wieder Krieg, nie wieder Unterdrückung, nie wieder Unfreiheit. Doch die Gefahren, die das „nie wieder“ bannen soll, kommen meist nicht im Gewand ihrer historischen Vorgänger einher. Weder Kommunismus noch Nationalsozialismus sind heute ernsthafte Gefährdungen unserer Ordnung. Die Gefahr liegt eher in der Trägheit eines Konsenses, der sich für das Wahre und damit für das Alleinzulässige hält.

Das aktuelle Buch von Sarrazin steht jedenfalls auf meinen Wunschzettel bei Amazon. Das Buch „Deutschland schafft sich ab“ habe ich übrigens gelesen – im Gegensatz zu vielen „Kritikern“ Sarrazins. Die Statistiken sind korrekt und im wesentlichen aktuell; bei den nicht ganz so aktuellen, zitierten, Statistiken dürfte sich die Situation allerdings nicht verbessert haben. Seine Interpretationen sind manchmal etwas unglücklich, aber im Großen und Ganzen vollkommen richtig. Und sie treffen auch auf die österreichische Situation zu. Wer das Gegenteil behauptet, ignoriert schlicht die Realität oder sieht sie durch eine rosarote Brille mit Spezialfilter. Und DAS ist nicht hilfreich, um es mit einer bekannte deutschen „Literaturkritikerin“ zu sagen! Die übrigens das Buch auch nicht gelesen hat.

4 Gedanken zu „Die erneute Sarrazin-Debatte. Streitet euch, aber richtig. Das Armutszeugnis der veröffentlichten Meinung.“

  1. Erlkönig ©
    Frei nach Johann Wolfgang von Goethe

    Erzähler:
    Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
    Es sind Mutti Staat und ihr skeptisches Kind.
    Das Kind möchte kotzen, längst ist ihm zu warm;
    doch es gibt kein Entkommen aus Muttis Arm.

    Mutter Merkel:
    “Mein Kind, warum machst du solch´ kluges Gesicht?”
    Kind (Deutschland):
    “Siehst, Mutti du, denn den Erlkönig nicht?
    Er weist auf akute Probleme hin,
    und bekundet sein Name sei Sarrazin.”

    Erlkönig Sarrazin:
    “Komm´, liebes Kind, komm´, vertraue mir!
    Gar übles Spiel treibt die Mutter mit dir.
    Ihre Märchen, vom Nutzen der Multikultur,
    sind häufig akustische Darmgase nur.”

    Kind (Deutschland):
    “Ich versteh´ ihn nicht, Mutti, doch ich ahne es schon.
    Stimmt irgendwas nicht, mit der Integration?”
    Mutter Merkel:
    “Bleibe ruhig, mein Kind, bald sind wir zu Haus´.
    Diesem Schelm blas´ ich morgen die Lampe aus!”

    Erlkönig Sarrazin:
    “Begleite mich, Kind, bis zum Land des Verstehens.
    Mein Buch informieret dich unversehens.
    Migranten sind wertvoll, doch Probleme kommen vor,
    speziell von einer Gruppe mit geringem Humor.”

    Mutter Merkel:
    “Sein Pamphlet ist nicht hilfreich, nicht jetzt, oder später,
    drum zerreißet ihn flugs, meine Presseköter!
    Zum Kind:
    Und du, kleiner Liebling, hast auch bald verschissen.”
    Kind (Deutschland):
    “Ach, wie werd´ ich den freien Gedanken vermissen!”

    Erlkönig Sarrazin:
    “Mein, liebreiches Kind, niemals solltest du bangen.
    Eh´ dass du verderbest, zisch´ mit den Schlangen.
    Gehorche der Mutter, dieser Schreckensgestalt,
    denn bist du nicht willig, so stellt sie dich kalt.”

    Kind (Deutschland):
    “Oh Mutti, oh Mutti, nun ist´s doch passiert,
    obgleich die Journaille so stramm hat pariert.
    Dein Politbüro putzte mein Hirn, so penibel,
    doch des Erlkönigs Botschaft erscheint mir plausibel.”

    Erzähler:
    Der Mutter grauset, vor des Volkes … äh, des Kindes Vernunft,
    und sie flieht in den Darm der politischen Zunft.
    Sie verfehlt die Erkenntnis, frei von innerer Not.
    Ihre Macht stinkt auch künftig, die Demokratie ist tot.

    G.G. August 2010

  2. Meinerseits vielen Dank, für die Veröffentlichung unserer Parodie „Die (wahre) Internationale“.
    G.G.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s